WINA  
das jüdische Stadtmagazin 

„Ich bin eine Gefühlserbin, was Traumata angeht“

Sandra Pioros Leben könnte bewegter nicht sein. Ihre Lebensgeschichte gibt Mut und macht wachsam. © Julia Dragosits

Die Schauspielerin Sandra Pioro lebt in Graz und legt mit ihrem Buch Nie mehr still ein beredtes und berührendes Zeugnis über den Verlust ihres Vaters vor.

Von

Marta Halpert

WINA: Sie haben vor Kurzem Ihr Buch Nie mehr still – Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte vorgestellt. Es ist Ihre erste Publikation und gleichzeitig Ihre Autobiografie, denn vor dem Schreiben hatten Sie eine Karriere als Schauspielerin und Modemacherin. Was war der Auslöser, dass Sie sich plötzlich Fragen über Ihre Herkunft gestellt haben? Dass Sie wissen wollten, warum der geliebte Vater Sie als vierjähriges Mädchen nach der Scheidung Ihrer Eltern verlassen hat, sie zwar immer wieder besuchte, aber ab 1991 verschwunden ist?

I Sandra Pioro: Das war eine sehr schwierige Zeit. Ich wusste nur, dass er das Vernichtungslager Auschwitz als einziger seiner Familie überlebt hatte. Als er für immer aus meinem Leben verschwand, war ich 19 Jahre alt. Erst seit wenigen Jahren weiß ich, dass ich sehr viel von seinen Traumata abbekommen habe. Ich bin eine Gefühlserbin in dem Fall und habe auch in meinem Bühnenberuf unter diesen Traumata gelitten, die immer wieder hochgeschwappt sind: Wenn ich Koffer gepackt habe, musste ich immer Proviant mitnehmen, hatte Platzangst, Lufthunger und vieles mehr. Lange wusste ich nicht, woher das kommt, denn ich hatte eine erfolgreiche Bühnenkarriere und seit 2019 einen tollen Leitungsjob.

 

„Ich war früher die Suchende und habe
jetzt diese Lücke in meiner Geschichte geschlossen,
nun habe ich mehr Ruhe, eine Art innere
Stärke und Selbstbewusstsein.“

 

Was geschah dann?

I Alles war getan, dachte ich, was kommt noch in meinem Leben? Aber gerade da hatte meine Seele Platz für Erinnerungen, die ständig hochkamen und verstärkt wurden durch antisemitische Vorfälle, denen ich persönlich ausgesetzt war. Deshalb wollte ich endlich hinschauen und habe mit einer Therapeutin zusammen meine Lebensgeschichte aufgearbeitet. Jetzt musste ich endlich zurückschauen, sonst würde nichts mehr in die Zukunft weisen.

Damals wussten Sie noch sehr wenig über das dramatische Überleben Ihres Vaters, dieses Wissen erlangten Sie erst im Zuge der Recherchen für Ihr Buch?

I Stimmt, erst über eine Ausstellung in München, wo Listen von Auschwitz-Überlebenden gezeigt wurden, habe ich seinen Namen entdeckt: Samuel Pioro wurde 1926 in der polnischen Stadt Sosnowiec geboren und noch kurz vor der Befreiung durch die Sowjetarmee auf den berüchtigten Todesmarsch von Auschwitz in das KZ Buchenwald geschickt.

Wie lange haben Sie recherchiert?

I Ich habe gleich alles niedergeschrieben, ich nehme den Leser auf die Spurensuche mit, von dem Zeitpunkt an, wo ich auch nichts wusste. Ich habe aus den Dokumenten erfahren, dass ich noch Onkel und Cousinen hatte, und eine Großmutter, die auch ermordet wurde. Ich habe geschrieben, ohne zu wissen, wie es zu Ende geht oder ob es überhaupt ein Buch wird. Ich fühlte, dass es mir gut tut, aber nach 40 Seiten dachte ich, das wird ein Roman.

Aber es ist doch Ihre Lebensgeschichte?

I Ja, aber man nennt es einen biografischen Roman wegen der Sprache, die ich gewählt habe, die beschriebenen Träume und seelischen Tauchgänge – und all dem was ich imaginiert habe. Daher ist es für den Handel kein Sachbuch, obwohl nichts Fiktives darin ist.

Sandra Pioro: Nie mehr still. Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte. Keiper 2025, 320 S., € 24,–

War Ihr jüdisches Bewusstsein damals schon so stark wie heute?

I Ich bin in Stuttgart total jüdisch aufgewachsen, bin dort in den jüdischen Kindergarten und Religionsunterricht gegangen. Meine Tante, die ursprünglich Opernsängerin war, hat das Restaurant der jüdischen Gemeinde geführt. Sie war die Seele des Hauses, und ich habe dort jeden Tag koscher gegessen – eigentlich bin ich mit den männlichen ShoahÜberlebenden im Gemeindehaus aufgewachsen.

Erschütternd ist auch Ihre Schilderung, wie die Auslagenscheiben ihres Ateliers in einem durchwegs vornehmen Grazer Stadtviertel mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Wie wusste man, dass Sie Jüdin sind, der Name klingt eher italienisch?

I Woher man das wusste, fragte ich mich auch. Unter der Tafel Atelier Pioro waren alle vier Schaufenster mit Hakenkreuzen in brauner Farbe beschmiert, das entdeckte ich, als ich in der Früh zum Geschäft kam. Ich war schockiert, denn in Sekundenschnelle kam mir das Bild der besudelten jüdischen Geschäfte 1938 hoch. Die Polizei meinte nur, das sei ein „dummer Jungenstreich“, und machte nichts – das war heftig. Ich habe angefangen, diese dicke braune Farbe runterzukratzen, ich erinnere mich, wie schlecht mir dabei war. Da kam ein Ehepaar auf Fahrrädern vorbei, die beiden stellten diese ab und fragten, was denn bei mir los sei. Ich habe es erzählt und auch gesagt, dass ich Jüdin bin. Darauf sagte die Frau: „Geben Sie mir den Schwamm, Sie müssen das nicht machen!“ Sie hat zu putzen begonnen, der Mann ist mit mir ins Geschäft gegangen und hat versucht, mich zu beruhigen.

 

„Ich hoffe auf viele Lesungen,
möchte aber auch etwas für die Erinnerungskultur tun.“
Sandra Pioro

 

Dieser Vorfall war vor einigen Jahren, haben Sie auch nach dem barbarischen Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 Veränderungen in Ihrem Umfeld bemerkt?

I Ja, leider, und das schmerzt mich sehr: Das Schlimmste widerfuhr mir bei meinen Künstlerkollegen und -kolleginnen, denn die kommen aus aller Welt, ich habe ihre propalästinensischen Postings auf Facebook gesehen. Bis dahin habe ich mich bei Juden und Künstlern immer sicher gefühlt. Doch jetzt kam ich in die Grazer Oper, und sie haben sich einfach weggedreht. Das hat mich schwer getroffen, aber ich denke, ich habe einen breiten Rücken, manche sind mit mir, und andere habe ich verloren. Jetzt freue ich mich über die vielen positiven Rückmeldungen zu meinem Buch: Ich bekomme zahlreiche Zuschriften, wobei mir Menschen für meinen Mut danken, dass ich das alles niedergeschrieben habe, jetzt sind sie auch motiviert nachzuforschen.

Das Label „künstlerisch vielseitig begabt“ ist bei Ihnen eine glatte Untertreibung: Sie wurden 1968 in Stuttgart geboren, haben Ihr Diplom für musikalisches Unterhaltungstheater am Konservatorium der Stadt Wien gemacht. Hat Sie nur das Studium nach Wien gebracht, oder gab es da noch andere Gründe?

I Das Studium war es, denn ich habe mich in Hamburg und Wien gleichzeitig beworben, und Wien war schneller bei der Zusage. Das war sehr wichtig, denn hier konnte ich bei meiner Familie wohnen, sonst wäre das finanziell damals nicht gegangen.

 

Von welcher Seite haben Sie in Wien Familie?

I Der erste Mann meiner Mutter stammte aus Wien, seine Familie ist jetzt meine. Sonst haben von dieser großen Familie leider nur sehr wenige die Shoah überlebt.

Sie hatten Ihr Bühnendebüt im Wiener Ronacher, was haben Sie da gespielt?

I Ich spielte in Die lustige Witwe von Franz Lehár gleich zwei Rollen: einmal die Olga und auch eine der Grisetten, da tanzte ich im berühmten Cancan. Ich war ja künstlerisch vorbelastet, denn meine Großeltern haben beide gesungen, meine Mutter spielt Klavier wie ein junger G’tt, und ich habe mit drei Jahren angefangen, Ballett zu tanzen, und bin mit sechs Jahren in das Staatstheater Ballett Stuttgart gekommen.

Wieso landeten Sie dann in Graz, wo Sie bis 2000 im Ensemble der Vereinigten Bühnen Graz waren? Für welches Rollenfach wollte man Sie haben?

I Den Ausflug ins Ronacher machte ich noch gegen Ende meines dreijährigen Studiums. Als ich fertig war, wurde ich sofort von den Vereinigten Bühnen Graz fix engagiert. Ich wurde vor allem im Schauspiel als junge Frau immer dann, wenn es um Liebe und große Gefühle ging, eingesetzt. Aber meinen richtigen Durchbruch hatte ich als Anne Frank, die habe ich drei Jahre lang gespielt. Bei meiner Musicalausbildung wurde mir schnell klar, dass ich nicht das Showgirl bin, ich habe zwar gut gesungen, aber das hohe C war nicht meine Erfüllung. Mir liegt das tiefergehende Schauspiel besser, die stillen Töne wurden zu meiner Stärke.

Warum haben Sie das Theater verlassen?

I Es ist mir einfach zu viel geworden, ich war ständig im Einsatz: Fünf Premieren im Jahr und immer auch große Rollen. Ich wollte frei und selbstständig sein und kreierte mein eigenes Label für nachhaltige Mode. Den Bezug zur Mode hatte ich schon während meiner Kindheit, vor allem durch meine Großmutter, die Hutmacherin war und ein eigenes Hutgeschäft besaß. Für damals war das sehr eigenständig, eben so wie bei allen Frauen in meiner Familie.

* Giora Seeliger ist ein Schauspieler,
Regisseur und Theaterpädagoge.
Gemeinsam mit Monica Culen gründete
er 1994 Rote Nasen in Österreich und war
bis 2023 Artistic Director von Red Noses
International.

Danach arbeiteten Sie einige Jahre als Clowndoktor in Spitälern und Seniorenheimen für den Verein Rote Nasen Österreich. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

I Ich war schon am Absprung vom Theater, da hat mir ein Ensemblemitglied erzählt, dass sie beim Verein arbeitet und dass Leute gesucht werden, und ich wäre dafür prädestiniert. Ich wusste nichts über die Clowndoktoren. Bin dann zur viertägigen Aufnahmsprüfung gegangen, da hat mich Giora Seeliger* gesehen und bereits am ersten Tag gesagt, dass er mich haben will, obwohl ich noch keine Ahnung hatte. Er meinte, mit meinem Lebenslauf schaffte ich das schon, setzte mir eine rote Nase auf – und ich war plötzlich dabei. Ich ging als erstes in die Onkologie in Graz, und als ich die Kinder dort sah – mein Bruder hatte auch Krebs – fing ich sofort Feuer. Ich war auch im Maimonides-Zentrum hier in Wien. Dort habe ich jiddische Lieder, aber auch Operetten gesungen, denn ich hatte ja eine klassische Gesangausbildung.

Wie lange haben Sie das gemacht?

I Fast zwanzig Jahre war ich im Krankenhaus, und ab 2019 bin ich dann ins Management gekommen. Derzeit leite ich zwei Abteilungen: zum einen Kostüm und Ausstattung, das heißt, ich mache alle Kostüme für über 90 Clowns in ganz Österreich; zum anderen leite ich auch das künstlerische Coaching-Team in allen Bundesländern.

Über das Buch erzählen wir nicht mehr, sonst wird es ein Spoiler. Was sind Ihre nächsten Pläne?

I Ich hoffe auf viele Lesungen, möchte aber auch etwas für die Erinnerungskultur tun – vor allem mit meinem Buch, vielleicht ein Theaterstück daraus machen oder auch einen Film? Denn die Zeitzeugen sind bald 100, sie haben bereits viel Kraft investiert, jetzt ist die nächste Generation dran. Ich möchte mit Jugendlichen sprechen, ich habe mich mit meiner persönlichen Geschichte hinausgewagt – bei mir ist ja noch sozusagen mein Vater in mir, und daher greifbar. Ich hoffe auf die Möglichkeit, „nicht mehr still zu sein“, denn auch über die Kunst kann man vieles ausdrücken, sich mehr erlauben, ich bin ja Schauspielerin, da könnte sich der Kreis für mich schließen.

Mit der Veröffentlichung der eigenen Geschichte haben Sie das Schweigen durch das Wort ersetzt. Was ist nach dem Buch anders für Sie?

I Ich war früher die Suchende und habe jetzt diese Lücke in meiner Geschichte geschlossen, nun habe ich mehr Ruhe, eine Art innere Stärke und Selbstbewusstsein. Nach meinem Rückzug von der Bühne freut es mich, wieder auf die Bühne zu gehen, aber diesmal mit meinem Buch.


 

Spurensuche nach meiner Familie und zu mir selbst Eine romanhafte Autobiografie.

Christoph Tepperberg

Sandra Pioro: Nie mehr still. Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte.

Graz: Edition Keiper, 2025.

Taschenbuch (Englische Broschur), 319 Seiten, Euro 24,00.-

ISBN: 978-3-903575-49-3

 

Sandra Pioro wurde 1968 in Stuttgart geboren. Sie studierte Musikalisches Unterhaltungstheater, Gesang, Musical am Wiener Konservatorium und erhielt 1993 ihr Diplom für Musikalisches Unterhaltungstheater. Sie debütierte am Wiener Ronacher und wirkte mehrere Jahre als Schauspielerin und Musicaldarstellerin, vor allem an Theatern in Stuttgart, Wien und Graz, zuletzt als Ensemblemitglied der Vereinigten Bühnen Graz. Danach tauschte sie die Bühne gegen Sozialarbeit. Sie ist seit 2000 für den „Verein Rote Nasen Österreich“ tätig, arbeitete als Clownsdoktor in Spitälern und Seniorenheimen. Sie arbeitete auch als Modedesignerin, gründete 2003 ein eigenes Modelabel für nachhaltige Mode. 2019 wurde sie Leiterin des Coaching-Teams und der Abteilung Kostüm und Ausstattung bei den „Roten Nasen“. Die vielseitige Künstlerin ist seit 2022 österreichische Staatsbürgerin und lebt in Graz.

 

Der Vater:

Der aus Sosnowiec in Polen stammende Samuel Pioro wurde 1926 geboren. Er war Jude und überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust. Er selbst wurde in das KZ Auschwitz verbracht und noch kurz vor der Befreiung Anfang 1945 auf den Todesmarsch in das KZ Buchenwald geschickt. Von dort kam er zunächst nach Innsbruck-Reichenau. Von Reichenau gelangte er nach Föhrenwald (südlich München) in ein Lager für „Displaced Persons“. Das Lager mit dem Charakter eines jiddischen Schtetls blieb für zwölf Jahre seine Zuflucht. Danach zog er nach Stuttgart und gründete dort eine Familie. Die Mutter hatte die Zeit der Verfolgung glücklich überstanden. Die Familie gehörte zu einer konservativ-jüdischen Gemeinde. Wie in anderen Familien, die während der NS-Zeit Traumata erlitten hatten, wurde auch in Sandras Familie nicht über die Schrecken des Holocaust gesprochen, alles von dem damals kleinen Mädchen ferngehalten. Es wurde geschwiegen. Das Schweigen wurde ihr in der Kindheit geradezu beigebracht. So ist Sandra lange Zeit still gewesen – ohne Fragen und ohne Antworten. Sandra hing abgöttisch an ihrem liebevollen Papa, der seine Familie jedoch immer wieder verliess. Er kam und ging, schrieb Briefe, bis er 1991 nach Scheidung der Eltern gänzlich aus Sandras Leben verschwand. So entstand ein eigenes Trauma: Verlustangst und Sehnsucht.

 

Jüdin des Schweigens:

Sandras jüdische Herkunft war bei ihren Mitschülern am Gymnasium kein Thema. Eigenartig allerdings: Sie war vom christlichen Religionsunterricht ausgeschlossen und sollte auch am Geschichtsunterricht nicht teilnehmen, wenn dort die Zeit des Nationalsozialismus durchgenommen wurde. Vor etwa zehn Jahren hatte Sandra ein krasses antisemitisches Erlebnis, das sie besonders erschütterte und ihr Leben nachhaltig veränderte: An einem lauschigen Sommerabend sass sie mit mehreren Designer-Freunden auf einer Wiener Dachterrasse mit Blick auf die Synagoge. Ein Kollege, der mir in diesem Kreis gegenübersass, schaute mich süffisant an, zeigt mit dem Finger nach unten und sagte: „Dort unten steht die Synagoge. Das ist praktisch, denn von hier aus kann man direkt auf die Juden runterspucken.“ Sandra geriet in einen Schockzustand, doch anstatt ihrem Zorn Luft zu machen, verliess sie schweigend den Ort. (S. 14)

 

Auf Spurensuche:

Ihr Schweigen und subjektiv gefühltes Versagen hielten sie gefangen, bis in ihr der Gedanke reifte, ihr Trauma durch Erforschen ihrer Herkunft abzuschütteln und ihre Erkenntnisse in einem Buch niederzuschreiben. Also begab sie sich auf die Spurensuche nach ihrer jüdischen Familie – auf einen langen schmerzhaften Weg auf der Suche nach Antworten auf ihre vielen Fragen. Ihre Suche ist das beeindruckende Ergebnis des Eintauchens in die Vergangenheit. „Die Neugierde duelliert sich mit der Angst. [...] Letztendlich gewinnt jedoch die Sehnsucht, die sich in meinem Inneren breitmacht und nach den Erinnerungen und Wahrheiten sucht, die allzu lange wie auf einem Meeresgrund verschollen schienen.“ (S. 21) Die Vergangenheit muss auftauchen, aus der Tiefe des Wassers, des Meeres des Vergessens. Diese Metapher des Tauchens in die Tiefe des Meeres durchzieht das gesamte Werk, wird Stilmittel und Methode. Sie erzählt in ihrem Buch von ihrer Recherche, die sie nach Polen führt und verbindet diese mit ihrer eigenen Biografie. Dabei durchwandert sie auch Sosnowiec, die Heimatstadt ihres Vaters und gelangt dort zum jüdischen Friedhof, auf dem ihr Grossvater Dawid, einst Kolonialwarenhändler, bestattet wurde. Der Grabstein fehlt. Von dort fährt sie nach Auschwitz-Birkenau, wovon sie begreiflicherweise zutiefst beeindruckt ist. Am Ende ihrer Reise (und des Buches) schreibt sie in Krakau den vielleicht letzten Brief an ihren geliebten Papa. Der Brief ist bedrückend und hält noch einmal vor Augen, wieviel Kraft es kostete ein Trennungstrauma zu überwinden. (S. 297f.) So ist das Buch zugleich die Geschichte eines Trennungskindes und steht für eine Generation, die man heute als Kriegsenkel bezeichnet.

 

Überwindung der Traumata:

Bei ihren Recherchen durchbricht die Autorin das Schweigen ihrer Familie, sie entdeckt nach und nach ihre eigene Identität – als Tochter eines Auschwitz-Überlebenden, als Künstlerin, als jüdische Frau. Sie tut dies in einer poetischen und zugleich präzisen Sprache. So entstand am Ende der Reise mit Tauchgängen in die Tiefen ihrer Seele nach 22 Monaten des Schreibens und der Selbstreflexion ein wunderbares Stück Literatur. Das Cover ist liebevoll gestaltet: Die Innenseiten der Buchklappen sind gefüllt mit den Namen von Familienmitgliedern, von denen Sandra erst im Laufe ihrer Suche erfuhr und deren Namen sie beim Besuch des KZ Auschwitz unter den Opfern eingeschrieben fand.1

 

Das Werk ist in zwei Abschnitte gegliedert: Teil 1: Die Reise beginnt (S. 23-182), Teil 2: Auf zu neuen Ufern (S. 183-300). Das Buch beginnt mit einem Prolog: Reisevorbereitungen und Die Koffer sind gepackt und schliesst mit einem Epilog Die Hüterin des Schatzes (S. 301-303). Eine Danksagung veranschaulich die umfangreichen Recherchen der Autorin (S. 305-307). Literatur- und Quellenhinweise (S. 308-309) sowie ein Glossar relevanter Begriffe (S. 310-316) ergänzen dieses wunderbare literarische und zeitgeschichtliche Werk.

 

 

 

 

 

Literaturzeitschrift Zwischenwelt   
Juni 2025

Buchbesprechung von Hedwig Wingler

Sandra Pioro: ---"Nie mehr still. Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte.“

 edition keiper, Graz 2025. 310 Seiten.

Der Titel erklärt sich beim Lesen: Sandra ist zu lange still gewesen, ohne Fragen und daher ohne Antworten. Die 1968 – in Stuttgart - geborene Verfasserin des Buches schaut auf ihr Leben, ihre Herkunft und findet in intensiver Suche vieles; es werden Erinnerungen geweckt, was die eigene Vergangenheit betrifft. Es werden Quellen gefunden auf der Suche nach Herkunft und Zukunft ihres Vaters. Der Dreh- und Angelpunkt: Das vierjährige Mädchen verliert den Vater, der die Familie – seine Frau, Sandra und ihre zwei Brüder – verlässt. Warum, wohin, was war vorher, was kommt noch.

Dreißig Abschnitte schildern, wie das Stillhalten besiegt wird; die Geschichte der Familie und vor allem die des Vaters wird erzählt, beleuchtet, rekonstruiert? – jedenfalls für die Autorin greifbar gemacht. Es ist ihr erstes Buch, sprachlich-stilistisch und im Aufbau hervorragend gelungen.

Das Schweigen ist ihr in der Kindheit beigebracht worden. „Die Neugierde duelliert sich mit der Angst. Ich zögere und hadere mit dem Fremden. Letztendlich gewinnt jedoch die Sehnsucht, die sich in meinem Inneren breitmacht und nach den Erinnerungen und Wahrheiten sucht, die allzu lange wie auf einem Meeresgrund verschollen schienen.“ (S. 21) Die Vergangenheit muss auftauchen, aus der Tiefe des Wassers, des Meeres des Vergessens; diese Metapher des Tauchens, des Tauchganges durchzieht das Buch, sie wird als Methode verwendet und so wird aus tagebuchartigen Notizen ein Stück Literatur, mitsamt den Inhalten, die mit den Verbrechen der NS-Zeit gefüllt sind.

Sandras Familie gehörte in Stuttgart zu einer konservativen jüdischen Gemeinde, die Synagoge wurde besucht, jüdische Feste wurden gefeiert. Die Mutter hat die Zeit der Verfolgung glücklich überstanden. Doch der aus der polnischen Stadt Sosnowiec stammende Vater Samuel Pioro, 1926 geboren, war ein Überlebender aus Auschwitz. Noch kurz vor der Befreiung dieses Vernichtungs-KZs durch die Sowjetarmee am 27. Januar 1945 wurde der Vater auf den Todesmarsch in das KZ Buchenwald geschickt. Dieses Schicksal teilte auch Jossele, sein polnischer Freund seit Auschwitz. Sie kamen beide dann auf Umwegen nach Stuttgart. Auch nachdem der Vater die kleine Sandra und die Familie verlassen hatte, blieb Jossele im Nebenhaus der Familie wohnen als Nachbar, bis er vor einigen Jahren starb. Er hatte dem Mädchen erzählt, dass er das KZ nur mit der Hilfe Samuels überstand.

Dass Sandra Jüdin war, war zunächst kein Thema unter den Mitschülern, allerdings wurde sie aus dem christlichen Religionsunterricht ausgeschlossen. Auch sollte sie am Geschichtsunterricht nicht teilnehmen, wenn die Zeit des Nationalsozialismus durchgenommen wurde. Zwei antisemitische Erlebnisse erschüttern Sandra – als Gymnasiastin; doch es dauert Jahrzehnte, bis sie tatsächlich anfängt zu fragen und zu forschen. 

Das „Tiefseetauchen“ soll helfen. „Ich bin nervös und spüre, dass mein Puls sich erhöht. Das Meer ist wieder einmal unruhig und ich tauche durch gefährliche Gewässer. . .“ (S. 95) Die Erzählung verläuft nicht chronologisch. Sie setzt ein mit dem Entschluss der Autorin, nachzuforschen. Da lebt sie schon in Graz, wohin sie auf Umwegen vor einiger Zeit gekommen ist. In Wien hatte sie Schauspiel studiert. Als Schauspielerin hat sie viele Jahre an Theatern vor allem in Stuttgart, Wien und Graz gearbeitet, später auch als Modedesignerin. Diese Fähigkeiten nutzte sie in Folge auch dazu, für den Verein „Rote Nasen“ Österreich zu arbeiten, wo sie heute eine leitende Funktion in der Kunst innehat.

Viele der Abschnitte gestaltet sie so, dass durch das „Tauchen ins Vergangene“ und „Auftauchen in die Gegenwart“ wie aus einem Traum Schritt für Schritt schlüssig das Verschüttete „hervorkommt“.

Es ist hier nicht möglich, die Details dessen wiederzugeben, was Sandra über den Weg des Vaters nach der Befreiung erfährt. Eine Quelle ist jedoch zu erwähnen: Arolsen Archives in Hessen, das umfangreichste Archiv der NS-Verfolgten. 

Demnach kam Samuel Pioro, wie sein Freund Jossele, von Auschwitz über das KZ Buchenwald zunächst im Juli 1945 nach Innsbruck- Reichenau. Die US-Amerikaner nannten die Überlebenden „Displaced Persons“. „Die Deutschen nannten sie später: heimatlose Ausländer“ (S. 170) Von Reichenau ging es für beide Männer bald nach Bayern, nach Föhrenwald in ein Lager, das als „jüdisches Schtetl“ für DPs zwölf Jahre lang eine Zuflucht blieb. Der Ort heißt heute Waldram in Wolfratshausen bei München. Nach etwa fünf Jahren zog der Vater nach Stuttgart, gründete die Familie. – 

Was ihn betrifft, so galt er seit dem Jahr 1991 als „verschwunden“, verschollen. Es werden Einzelheiten seiner Tätigkeit, seiner „Geschäfte“, aus verschiedenen Richtungen bekannt. Samuel war mit dem Handel und auch mit dem Schmuggel von Diamanten befasst; dies war wohl der Grund für seine Reisen in viele Länder Europas und nach Brasilien. Wie die Tochter darauf reagiert? Sie will verstehen, als ihr der vier Jahre ältere Bruder Einzelheiten mitteilt, über die es sogar ein Buch von 1975 gibt. Ist es schmerzhaft für sie, oder soll sie verständnisvoll sein? Sie wertet nicht.

Die letzte Station auf der Suche nach der Vergangenheit führt nach Polen im Jahr 2024. „Tief unten im Meer schwimme ich auf der letzten Etappe meinem Ziel entgegen. . .“ (S. 270) Es gelingt ein Kontakt mit einem polnischen Helfer, der Sandra zunächst nach Sosnowiec, in die Heimatstadt des Vaters, führt. Dort gibt es keine Verwandten, die überlebt hätten. Durch Arolsen Archives hatte sie bereits auf ihrer Suche erfahren, dass ein Großcousin überlebt hatte und nach Chicago ausgewandert war. 

Sandra durchwandert die Stadt und gelangt zum jüdischen Friedhof, auf dem ihr Großvater Dawid, der „Kolonialwarenhändler“, bestattet war; einen Grabstein findet sie nicht. Dann fährt sie nach Auschwitz-Birkenau, es ist eine Zugstunde entfernt. - Wie die Tochter ihre Reaktion auf den Leidensweg des Vaters beschreibt, ist bewegend – sie versachlicht die Darstellung bewundernswert, als schaue sie von außen auf die schrecklichen Umstände. Es wird in dieser Besprechung darauf verzichtet, hier ins Detail der Tatsachen und der Gefühle zu gehen, mit denen die Autorin konfrontiert wird.   

Vor einigen Jahren, so am Ende ihrer Geschichte, legte sie die deutsche Staatsbürgerschaft ab und wurde Österreicherin. Dass sie bis etwa zum achten Lebensjahr als „staatenlos“ galt nach dem Vater, erwähnt sie beiläufig.

Mit dem Buch von Sandra Pioro liefert der Grazer Verlag edition keiper nicht nur eine besondere Familiengeschichte, sondern auch ein wichtiges literarisches Dokument unserer Zeit. 

                                                                                                                 Hedwig Wingler

 

 

 

 

FAZIT MAGAZIN 

Ausgabe Juli/August 2025

 

Fazitbegegnungen

Volker Schögler trifft auf Sandra Pioro

Die Seelentaucherin 

 

Sandra Pioro hat sich auf eine Reise zu sich selbst begeben. Aus der Reise wurde nach 22 Monaten der Schreibarbeit und Selbstreflexion, auf Tauchgängen in die Tiefen ihrer Seele und ihrer Träume, aber auch physisch auf den Spuren ihrer Vorfahren im In- und Ausland sowie in internationalen Suchdiensten und Archiven gegen das Vergessen ein Buch: „Nie mehr still“, Untertitel: „Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte.“ Es ist eine Aufarbeitung der Traumata der sogenannten Kriegsenkel, jener Generation, die den Krieg, den Nationalsozialismus, den Holocaust, die Angst und das Grauen nicht selbst erlebt hat. Die aber unter diffusen Symptomen, vor allem Ängsten leidet, deren Ausgang die neurowissenschaftliche Forschung in der Epigenetik, der generationsübergreifenden Vererbung von Traumata, verortet – was sowohl für die Täter- wie auch die Opferseite gilt. Auch das bleierne Schweigen über jene Zeit betrifft beide Seiten, wenn auch oft in unterschiedlicher Ausformung und weil Verfolgung zumindest im Sinne von Ausgrenzung in Gestalt von Antisemitismus noch immer stattfindet. Wie auch die Angst davor. Diese Erfahrung musste die Autorin bei einigen Buchhandlungen machen ,die das Buch zwar loben, sich aber nicht getrauen, weitergehende Promotion zu machen. Erschütternd ist auch ihre Schilderung im Buch, wie die Auslagenscheiben ihres Ateliers in einem durchwegs vornehmen Grazer Stadtviertel mit Hakenkreuzen beschmiert wurden und ein zufällig vorbeikommendes Ehepaar spontan die Reinigungsarbeit übernommen hat. 

In ihrem schonungslos autobiographischen Roman, erkennt Sandra Pioro, dass sie ihre Vergangenheit beleuchten und jene Fragen stellen muss, die in ihrer Familie bislang vermieden wurden. So begibt sie sich auf Spurensuche, um die vielen offenen Fragen nach ihrem Vater zu klären, der als Jugendlicher mehrere Konzentrationslager überlebt hat und 1991 spurlos verschwunden ist. Die Begegnung mit ihrer jüdischen Geschichte und den Traumata ihrer Eltern und Großeltern lässt sie ihre Identität finden: als Tochter eines Ausschwitz-Überlebenden, als Künstlerin und als jüdische Frau. Der Abgrund des familiären Schweigens über die Vergangenheit seit ihrer Kindheit in Stuttgart formte auch sie selbst zu einer schweigenden Person, zumal wenn sie sich mit Antisemitismus konfrontiert sah. Sich niemandem anzuvertrauen verstärkte ihr Gefühl, weniger wert und nicht erwünscht zu sein. In ihrem Buch trifft Sandra Pioro einen zugleich stimmungsvollen wie spannenden Ton, der auf erschreckend schlüssige Weise vergangene und gegenwärtige Sachverhalte und Tatbestände widerspiegelt. Fantasiegebäude, unglaubliche Träume und merkwürdige Zufälle scheinen nur solange zweifelhaft, bis sie selbst schreibt: „Würde ich eine fiktive Geschichte schreiben, hätte ich es anders gestrickt, denn das käme mir zu glatt vor, um es glaubwürdig wirken zu lassen. Das Leben hat offensichtlich seine eigenen Gesetze und schreibt sich seinen eigenen Roman.“ Sandra Pioro ist Absolventin des ehemaligen Konservatoriums der Stadt Wien (Musikalisches Unterhaltungstheater, Gesang, Musical), debütierte  im Wiener„Ronacher“, war zuletzt bis zum Jahr 2000 Ensemblemitglied bei den Vereinigten Bühnen Graz und betrieb anschließend ein eigenes Modelabel. Heute ist sie bei den „Roten Nasen“ Leiterin des Coaching-Teams und der Abteilung Kostüm und Ausstattung. Mit der Veröffentlichung der eigenen Geschichte hat sie das Schweigen durch das Wort ersetzt, „um letztendlich diejenige zu sein, die ich eigentlich geworden wäre.“ Was nach dem Buch für sie anders sei? „Ich war früher die Suchende und habe jetzt diese Lücke in meiner Geschichte geschlossen, nun habe ich so eine Ruhe gekriegt, eine Art innere Stärke und Selbstbewußtsein.“ Das darf auch für die Autorin Sandra Pioro gelten, die wunderbar mit der geschriebenen Sprache umzugehen versteht, was eine Fortsetzung geradezu einfordert. 

 

 

 

 

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